Autorenseite von Myron Bünnagel

"Dick Lowcusts Finger brach beinahe lautlos. Und wenn es einen Laut gegeben hatte, so war er unter seinem Schmerzensschrei nicht zu hören gewesen."

Noir

Die Heuschrecke: Zahltag

Dick Lowcusts Finger brach beinahe lautlos. Und wenn es einen Laut gegeben hatte, so war er unter seinem Schmerzensschrei nicht zu hören gewesen. Er schrie auf, riss seine Hand los und umklammerte sie wimmernd. Es war der kleine Finger der Linken und schmerzte höllisch. "Scheiße!", schluchzte er und rutschte mühsam fort von den beiden Männern, die ihn mit bewegungsloser Miene ansahen.

"Du bist es selbst schuld, Locust. Zahl den Kredit zurück, und deine Finger bleiben heil." Der Knochenbrecher, dessen Stimme wie eine ausgeleierte Bettfeder klang, hieß Sam Ruardo. Er war Geldeintreiber für eine Unterweltgröße namens Slob Henderson. Ruardos Familie stammte aus Portugal und hatte sich in Südkalifornien mit mexikanischem und afrikanischem Blut gemischt. Er hatte ein grobes Gesicht mit dicken Lippen und eine kräftige Figur. Wie sein Partner, ein hagerer Kerl namens Eric Pantu, steckte er in einem billigen, braunen Anzug.

"Ich heiße Lowcust, du Arschloch", keuchte Dick. Sein Gesicht war schweißüberströmt.

Überraschend schnell trat Ruardo einen Schritt vor und versetzte dem knienden Mann einen Tritt. Lowcust kippte zur Seite und rang mühsam nach Atem. Seine Haut war gerötet, seine blauen Augen blutunterlaufen. Der Schläger packte ihn an den Haaren und riss seinen Kopf zurück. "Du bist eine Heuschrecke. Eine fette, gierige Heuschrecke. Und wenn du dein Maul weiter aufreißt, werde ich dich zertreten. Verstanden?"

Lowcust nickte schwach.

"Slob will sein Geld zurück. Du hast bis Ende der Woche Zeit. Ich muss dir nicht erst sagen, was dir passiert, wenn du nicht zahlst, oder?"

"Nein", brachte Dick mühsam hervor.

"Gut." Ruardo ließ ihn los und erhob sich: "Wir gehen." Die beiden Geldeintreiber verließen das kleine Büro. In der Tür drehte sich Pantu noch einmal um. Sein pockennarbiges Gesicht zeigte ein breites Grinsen. "Fette Heuschrecke", sagte er lachend. Dann schloss sich die Tür.

"Ich bin nicht fett!", keuchte Dick. Er kroch zu seinem Schreibtisch, hievte sich in den protestierenden Sessel und stöhnte Schmerz erfüllt. Mit zitternder Hand zog er eine Schublade auf, nahm eine halb volle Flasche und ein Glas heraus und goss sich einen großen Schluck Whisky ein. Als er davon getrunken hatte, seufzte er erleichtert und betrachtete nachdenklich seinen gebrochenen Finger. "Ich bin nicht fett. Ich bin stämmig."


Die Meinungen darüber, ob Dick Lowcust fett war oder stämmig, gingen auseinander.

Er war hoch gewachsen, hatte eine gesunde Hautfarbe, braunes, volles Haar und ein weiches, aber nicht unattraktives Gesicht. Seine Finger waren eine Nuance pummelig, der Rest seines Körpers recht kräftig, abgesehen von seinem Bauch, den er an schlechten Tagen durchaus als fett empfand. Seine Exfrau hatte ihn für übergewichtig gehalten, Dicks Geliebte tat das nicht.

Er trug einen grauen Anzug, ein helles Hemd und eine bunte Krawatte. Dazu einen langen, sandfarbenen Ledermantel. Und eine kleine Nickelbrille, für die er sich schämte.

Seine Zentrale lag in Pamona, Sin Town, am Rande des Nobelviertels Philips Ranch. Aber Dick konnte von seinem Büro im ersten Stock nicht einmal über die Mauern der Reichen schauen. Das Wohn- und Schlafzimmer ging nach hinten raus und gab den Blick auf einen verschmutzten Hof frei, so dass er nur selten die gelblichen Vorhänge aufzog.

Geld verdiente er sich als Privatermittler, wie es in weißen Lettern auf dem Fenster seines Büros stand. Darunter fielen Kurierdienste, Überwachungen, kleine Nachforschungen und das Anfertigen belastender Fotos. Aber die Geschäfte liefen schlecht. In einem heruntergekommenen Ort wie Pamona nicht anders zu erwarten.

Dick Lowcust, der zumeist nur Locust, Heuschrecke, genannt wurde, saß mit geschientem Finger an seinem Schreibtisch, ein abgegriffenes Notizbuch aufgeschlagen vor sich und schimpfte in den Telefonhörer. "So behandelst du also deine Freunde, Mac? Nicht mal ein paar lausige Dollar machst du für jemanden locker, der dir immer beigestanden hat!"

Die Stimme aus dem Hörer quäkte ebenso unfreundlich zurück.

Dick wischte sich mit einem gepunkteten Taschentuch den Schweiß von der Stirn. "Komm schon, Mac. Von den letzten fünfhundert Dollar habe ich dir fast alles zurückgezahlt. Stell dich nicht so an."

Während sein Gesprächspartner noch heftige Beleidigungen von sich gab, warf Dick das Telefon auf die Station. "Arschloch!", zischte er und machte ein kleines Kreuzchen hinter einen Eintrag in seinem Notizbuch. Er hatte den ganzen Vormittag über nur Kreuzchen gemacht.

Eine Zeitlang spielte er nervös am Verband seines gebrochenen Fingers herum, dann schnaufte er verächtlich und blätterte den kleinen Kalender um, dessen Zahlen ihm die ganze Zeit entgegen sprangen. Heute war Dienstag. Das Ultimatum von Slob Henderson lief Samstagnacht ab.

Dick fluchte auf seinen Buchmacher, dann auf seine Geliebte. Wegen beiden hatte er sein Geld verpulvert. Dabei berührte er das Foto, das in einem silbernen Rahmen daneben stand. Es zeigte eine lächelnde Frau mit zwei süßen Mädchen vor sich. Er nahm das Bild in die Hände. Der Rahmen lag kühl auf seiner erhitzten Haut.

Die Frau war hübsch. Eine Braunhaarige in einem hellen Sommerkleid, mit vollen Lippen und einladenden Augen. Die beiden Mädchen, vielleicht sieben und zehn Jahre alt, trugen weiße, mit Schleifchen besetzte Kleidchen und lächelten selig in die Kamera. Im Hintergrund war ein großer, gepflegter Garten zu sehen.

Dick seufzte und stellte es zurück. Er hätte gerne gewusst, wer die Frau und die Kinder waren. Um seinem Schreibtisch ein gewisses Ambiente zu verschaffen, hatte er das Bild aus einer Zeitschrift ausgeschnitten und gerahmt.

Eigentlich mochte er keine Kinder, aber an die beiden hatte er sich gewöhnt. Er nannte sie Roberta und Claire. Nur der Frau gab er keinen Namen. Aber gelegentlich tauchte sie in seinen Träumen auf. Ohne die Kinder und vor allem ohne das Sommerkleid.

Schlecht gelaunt wandte er sich wieder seinem Notizbuch zu, blätterte darin herum und schüttelte den Kopf. Er brauchte Geld. Vielleicht konnte er Lea davon überzeugen, das goldene Armband zum Pfandleiher zu bringen. Er ärgerte sich darüber, dass er es ihr vor zwei Wochen geschenkt hatte, anstatt seine Schulden zu begleichen. Aber sie hatte an diesem Nachmittag das enge rote Kleid getragen und ihn so sinnlich angesehen, dass er weich geworden war und ihr den Schmuck gekauft hatte. Sie hatte sich auf ihre Art dafür bedankt.

Dick starrte die Tür zu seinem Büro an, aber schon seit einigen Tagen war kein Kunde mehr hereingekommen. Nur Hendersons Schläger.

Slob war ein Ganove, ein schmieriger Hehler, der sich mit den Crips und Bloods arrangierte, Diebesgut verschob und Geld verlieh. Dick stand eigentlich ganz gut mit Henderson, weshalb ihm die Gangs auch nur wenig Ärger bereiteten, aber bei Geld hörte die Freundschaft.

Mit geröteten Augen sah er sich in seinem Büro um. Die Einrichtung war uralt, er hatte sie vor Jahren von einer Anwaltskanzlei übernommen, und, wie die meisten anderen Dinge, hier kaum einen Dollar wert. Der zerkratzte Schreibtisch, drei verfärbte Ledersessel, ein Aktenschrank, gerahmte Wüstenaufnahmen aus einem Kalender an den Wänden und durchgelaufene Teppiche. Der Ventilator an der Decke mühte sich surrend, aber ohne nennenswerte Erfolge gegen die drückende Hitze. Die Luft war warm und muffig.

Die einzigen Dinge von Wert, die Dick Lowcust besaß, waren ein Fernsehgerät, seine Beretta und eine goldene Uhr, ein Erbstück seines Vaters. Aber auch die war kaputt, seit er sie bekommen hatte.

"Irgendwo muss sich doch noch Geld auftun lassen, verdammter Mist", schimpfte er, schleuderte das Notizbuch in eine Ecke und wippte unruhig auf seinem Stuhl.


"Komm schon, Schätzchen. Es ist ja nur für ein paar Tage. Dann kommt bestimmt ein Klient", säuselte Dick charmant und spielte sanft mit Leas Ohrläppchen, weil er wusste, dass sie das scharf machte.

Sie standen dicht gedrängt in einer schattigen Gasse. Von irgendwoher trieb der Geruch von Chili durch die heiße Nachmittagsluft. Obwohl er schwitzte, trug Dick seinen Ledermantel. Man sah ihn selten ohne das gute Stück. An der rechten Schulter war er notdürftig geflickt, dort wo ihn vor vier Monaten das Messer eines Betrunkenen erwischt hatte.

"Vergiss es, Dick." Lea, eine kleine, dralle Blondine, lehnte sich gegen die schmutzige Hauswand und fixierte ihn kalt.

"Aber Süße, du willst mir doch helfen, oder?"

"Ich sagte nein. Du hast es mir geschenkt."

"Ich konnte doch nicht wissen, dass Slob mir an den Kragen will."

"Dein Pech."

"Lea, Liebling, das kannst du mir doch nicht antun. Die haben mir den Finger gebrochen!"

"Solange sie dir nicht deinen Schwanz abschneiden …"

Dick verzog bei diesem Gedanken das Gesicht. "Mal den Teufel nicht an die Wand. Du bekommst das Armband doch auch bestimmt wieder."

"Eher glaube ich an den Weihnachtsmann." Sie strich sich eine Haarlocke aus der Stirn und sah ihn herausfordernd an.

Dick ergriff ihren Arm und hielt ihn grob fest. Das goldene Armband funkelte ihn an.

"Lass mich sofort los, du Idiot."

"Verdammt, ich brauche das Geld!" Er versuchte ihr das Schmuckstück abzustreifen.

"Wenn du das tust, kannst du dir den Sex abschminken!", zischte sie.

Dick sah sie an, dann das goldene Armband, schließlich wieder sie. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Sein Atem ging schwer und seine Augen wirkten groß hinter den runden Brillengläsern. Einen Augenblick lang zerrte er noch an ihrem Arm, dann ließ er sie mit einem müden Seufzer los. "Verdammte Scheiße", stöhnte er.

"Such dir einen Job, Dick."

"Ich habe einen Job."

"Einen, der Geld bringt, meine ich."

Er nahm seine Brille ab und polierte die Gläser. "Mir wird schon was einfallen."

"Du bist ein fauler Idiot."

"Und du eine Hure."

Sie machte sich von ihm los. "Immerhin kann ich davon leben. Wenn du so weiter machst, wirst du in Zukunft für mich bezahlen müssen."

Er sah sie unfreundlich an.

"Such dir einen Job, Dick. Du bist immerhin weiß. Nicht qualifiziert, aber weiß."

Damit ließ sie ihn stehen und stolzierte mit ausgreifendem Hüftschwung aus der Gasse.


An den Stränden von Malibu Beach war das Licht der untergehenden Sonne wie flüssiges Gold, das auf den Wellen und dem hellen Strand glitzerte. Aber alles, was weiter im Landesinneren davon übrig blieb, erinnerte nur noch an trüben, dumpfen Schlamm.

Dick Lowcust stand im Schatten einer Seitengasse, halb verborgen hinter einem übel riechenden Müllcontainer, in dem die Ratten die hereinbrechende Nacht feierten.

Das schmutzige Licht kroch langsam aus der Gasse fort und überließ den Abfall und Gestank der begierigen Dunkelheit. Er rauchte eine zerdrückte Zigarette, sah zu einer Tür in der Hauswand, dann auf seine Uhr und starrte weiter die letzten Sonnenstrahlen an. Auf der Straße vor der Gasse quälte sich gelegentlich ein Fahrzeug entlang, aber nur selten ein Passant.

Dick trug einen schwarzen, zerschlissenen Sportanzug mit einstmals weißen Nähten, der sich unvorteilhaft über seinem Bauch spannte. Um den Hals hatte er sich ein blaues Halstuch geschlungen, in dem sich der Schweiß sammelte.

Als der Sonnenstrahl aus der Gasse geflohen war, warf er seine Zigarette fort und atmete tief ein, um zu lauschen. Es war still, nichts rührte sich. Er blickte auf die Uhr und nickte langsam. Dann trat er aus seinem Versteck und huschte neben die Tür. Sie war aus stabilem Holz und mit Kratzern und Schmierereien bedeckt. Der Griff war abgeschraubt worden. Seine Hand fischte einen Dietrich aus der Hosentasche und er machte sich geschickt am Schloss zu schaffen. Nach wenigen Versuchen gab es ein leises Klicken von sich und war offen.

Dick wischte sich den Schweiß von der Stirn, sah sich noch einmal um und nahm, da die Luft rein war, einen Nylonstrumpf aus der Jackentasche. Er zog ihn sich über den Kopf, was ihm mehr Mühe bereitete, als er erwartet hatte. Der Strumpf spannte so sehr, dass er befürchtete, er würde zerreißen.

Als er sich maskiert hatte, schob er leise die Tür auf und schlüpfte in den engen Flur dahinter. Nachdem er sie hinter sich zugezogen hatte, umfing ihn ein bedrückendes Halbdunkel, in dem er durch den Strumpf über seinem Gesicht kaum etwas erkennen konnte. Aber immerhin fiel Licht durch einen Spalt am Ende des Gangs. Genau dort wollte er hin.

Mit der Linken tastete er sich vorsichtig vorwärts, stieß sich einmal schmerzhaft den verletzten Finger und biss sich auf die Zunge, um einen Schrei zu unterdrücken.

Seine andere Hand glitt in die Tasche seiner Jacke und schloss sich um einen biegsamen, kleinen Lederknüppel.

Er rückte langsam vor, bis er die Tür erreicht hatte. Sie war nur angelehnt und er schob sie einen kleinen Spalt weit auf. Sein Herz schlug schneller, als er Liu sah. Der alte Koreaner, dem ein Tabakladen im vorderen Teil des Hauses gehörte, saß an einem Tisch und zählte die Tageseinnahmen. Geld lag darauf verteilt, Scheine und Münzen. Davor die gebeugte, schwarzhaarige Gestalt des Händlers. Dick hatte ihn mehrmals gesehen, wie er nach Feierabend mit der Kasse ins Hinterzimmer verschwand. Genau wie heute. Er frohlockte und seine Hand schloss sich fester um den Knüppel in seiner Tasche.

Vorsichtig drückte er die Tür noch etwas weiter auf, bereit, einen schnellen Schritt nach vorne zu machen, dem Alten eins überzubraten und sich mit den Tageseinnahmen aus dem Staub zu machen. Und erstarrte plötzlich. Liu war nicht allein. Ein Mann war bei ihm. Ein junger Lateinamerikaner mit einem Messer in der Hand, der drohend vor dem Koreaner stand.

Dick sog scharf die Luft ein, aber die Maske verstopfte ihm den Mund und die Nasenlöcher, so dass er hustete. Er tat eilig einen Schritt zurück, aber es war schon zu spät. Die Tür wurde aufgerissen und ein weiterer Latino stand vor ihm. Es war ein bedrohlicher Kerl, ebenfalls mit einem Messer und einem gefährlichen Glitzern in den Augen. Aber als er Dicks verformtes Gesicht unter dem Nylonstrumpf sah, fuhr er erschreckt zusammen.

Lowcust zerrte den Knüppel aus der Tasche und hieb dem anderen damit auf den Arm. Der Junge schrie schmerzerfüllt auf. Das Messer entglitt seiner Hand, aber mit der Faust versuchte er einen Schlag auszuteilen. Dick stolperte zurück. Es gab ein reißendes Geräusch und seine Maske zerriss. Er hieb blindlings um sich, traf den anderen noch einmal und zerrte sich den hinderlichen Nylonstrumpf vom Gesicht.

Der Latino ergriff fluchend die Flucht. Sein Partner hatte es ihm vorgemacht, indem er Liu vom Stuhl stieß, das Geld zusammenraffte und aus dem Zimmer rannte.

"Halt!", keuchte Dick und setzte ihnen nach, aber als er am Durchgang zum Laden ankam, waren die beiden Diebe bereits auf der Straße.

"Scheiße!", brüllte er und drehte sich schwer atmend um.

Liu rappelte sich gerade auf, eine Beule am Kopf. Der Blick des Koreaners fiel auf den leeren Tisch, ebenso der von Dick.

"Scheiße", sagte er noch einmal, leiser dieses Mal. "Scheiße …"


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