Autorenseite von Myron Bünnagel

"Sie ist tot."
"Sie meinen toter als tot?"
"Ja, natürlich."
"Das tut mir leid."
"Sie ist ermordet worden!"

Noir

Die geläuterte Tote

Die geläuterte Tote - Krimi aus dem Totenreich

Krimi aus dem Totenreich 4

Kurzgeschichte

Genre: Hard-boiled, Horror

Verlag: Kindle / Neobooks

März 2014

ASIN: B00J6W4SMY


Inhalt

Eine junge Tote wird bestialisch aus der Geisterwelt gerissen, ihre Nachbarin bittet Roger Cross daraufhin um Hilfe. Bei seinen Nachforschungen kommt der Privatermittler einem geheimnisvollen Killer auf die Spur, der ihm bald selbst nach dem Unleben trachtet. Gelingt es Cross, die Seele des Mädchens zu retten?


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Leseprobe

Emma Schiffl war die Art von Kundin, die einen Detektiv anheuerte, nach ihrer entlaufenen Katze zu suchen. Oder ihrem Hund, vielleicht auch dem Kanarienvogel. Klein, gebeugt, dem Äußeren nach um die Siebzig, mit silbernem Haar, Perlenkette und Monogram auf dem Spitzentaschentuch. Ihr Kleid war Mode gewesen, als McKinley Präsident gewesen war - grau, mit Rüschen und hochgeschlossenem Kragen. Im Gesicht hatte sie mehr Falten als ich in meinem zerknitterten Trenchcoat. Ganz die nette Großmutter, die einen alten Webley in ihre zierliche Handtasche gezwängt hatte, um den erstbesten Tierquäler über den Haufen zu pusten. Aber Emma interessierte sich nicht für Haustiere, sondern für Mord.

Es war später Nachmittag, die Sonne fing gerade an, sich vom trostlosen Anblick des Totenreichs abzuwenden, und ich war in Gedanken begriffen, den Laden für heute dicht zu machen, als es an der Tür klopfte. So zaghaft, dass ich lieber selbst nachsah, ob nicht jemand dabei war, auf der Schwelle zu sterben. Stattdessen stand dort die alte Dame, ein trauriges Lächeln auf den Lippen, mit einer Stimme, die zahlreiche Enkel in den Schlaf gesungen haben musste. "Sind Sie der Detektiv?"

"So steht es zumindest an der Tür. Kommen Sie rein." Ich trat zurück und machte eine einladende Handbewegung.

"Es ist hoffentlich noch nicht zu spät? Ich habe versucht, Sie anzurufen, aber der Anschluss war nicht zu erreichen. Und von Andrew's Field hierher ist es eine lange Fahrt mit dem Bus." Sie nahm auf dem einsamen Kundenstuhl Platz.

Ich fischte den Hörer vom Telefon und lauschte. Nichts. Störungen waren nichts Ungewöhnliches im Land der Toten. Telefon, Strom, Wasser, Aufzüge, … die Liste ließ sich beliebig fortsetzen. Vielleicht brachte es jemand beizeiten in Ordnung, vielleicht löste es sich von selbst, oder ich musste mir ein neues Büro suchen. Ich legte auf und setzte mich hinter den Schreibtisch. "Wie kann ich Ihnen denn helfen, Mrs. …?"

"Schiffl, aber sagen Sie Emma zu mir, alle sagen Emma."

"Emma …"

"Ich bin wegen dem Clauberg-Mädchen hier, meiner Nachbarin. So ein liebes Ding, immer freundlich, herzensgut. Dass ihr so etwas Schreckliches passieren konnte …"

"Hat Ihre Nachbarin Ärger?"

Emma sah mich mit großen Augen an: "Sie ist tot."

"Sie meinen toter als tot?"

"Ja, natürlich."

"Das tut mir leid."

"Sie ist ermordet worden!"

Die Sache begann interessant zu werden. Einen Toten umzubringen, war nicht unbedingt einfach. Die Seelen der Leute hier waren zäh und klammerten sich an ihren kleinen Ektoplasmakörper. Man konnte sie erstechen, erschießen, in die Luft jagen - einige Zeit später saßen sie wieder im Sattel. Um jemanden wirklich in die Verdammnis zu schicken, brauchte es Kreativität oder die entsprechende Waffe. "Was ist passiert?"

"Ich weiß es nicht genau. Vor zwei Tagen … Ich kam von meinem täglichen Spaziergang zurück, er dauert so etwa zwei Stunden, und da war sie tot. Die Polizei war in ihrer Wohnung. Als ich fragte, was los sei, versuchte man mich abzuwimmeln, aber ich blieb hartnäckig." Sie nickte entschlossen. "Wenn solche Sachen sind, muss man das doch wissen! Und Jill, also Ms. Clauberg, war die Letzte, der so etwas passieren sollte." Emma weinte nicht, das war für eine Tote nicht ungewöhnlich. Aber dennoch spürte ich, wie sehr sie der Verlust mitnahm. "Wir waren vielleicht keine Freunde, eher wie eine entfernte Oma und ihre Enkelin. Sie half mir ein wenig bei allem und brachte Zeit für Spaziergänge oder eine kleine Tratscherei auf. Jemand wie Jill hätte man zu Lebzeiten gerne als Tochter gehabt."

"Nicht jeder, wie es scheint. Wie lange kannten Sie das Clauberg-Mädchen schon, Emma?"

"Ich weiß nicht genau, vielleicht vier oder fünf Jahre, sie war damals noch nicht lange tot. Ein Autounfall."

Wie die alte Dame abgetreten war, konnte ich auf den ersten Blick nicht sagen. Vermutlich friedlich entschlummert. "Hatte Jill irgendwelche Feinde?"

"Niemanden. Wie auch? Sie ist … war ein so herzensguter Mensch." Ihre Lider flatterten. "Sie müssen herausfinden, wer das getan hat und warum! Ich habe das Gefühl, dass ihre Seele erst dann Ruhe finden kann."

Wegen der Clauberg-Seele konnte man sich durchaus Sorgen machen. Niemand wusste, was mit einem Toten geschah, der noch einmal starb. Sie schlugen weder bei den Jungs und Mädels mit Schwefel-, noch bei denen mit Fliederduftwässerchen auf. Sie waren einfach weg. Ein paar kluge Köpfe sinnierten darüber, dass es die Unglücklichen in die Leere verschlug. Einen Ort für diejenigen, die weder lebendig, noch tot, noch auf der Durchreise waren. Ein Ort, in dem es entsprechend nichts gab. Nur Leere. Bisher gab es allerdings niemanden, der von dort zurückgekommen war. Das Gerede der klugen Köpfe konnte also bloßes Gerede sein. Allerdings zweifelte ich daran, dass es Jill noch viel half, wenn ihr Mörder überführt wurde. Aber, was wusste ich schon? Zumindest würde es Emma helfen. Viel anderes gab es zurzeit ohnehin nicht zu tun. "Ich sage Ihnen was, Emma: Ich fahre Sie zurück nach Andrew's Field und schaue mir die Sache mal an - stelle ein paar Fragen, stochere etwas herum. Wenn es irgendetwas gibt, an dem ich ansetzen kann, werde ich das tun."

Sie war erleichtert, in ihrem faltigen Gesicht zeichnete sich ein Lächeln ab. "Jill hätte Sie bestimmt gemocht, Mr. Cross."

Ich griff nach Hut und Mantel. "Kommen Sie, Emma. Mein Wagen steht in der Garage."


Wir fuhren über das West End, dann vorbei am Corpse Land-Vergnügungspark und direkt ins Bone County. Der Stadtmoloch wich Industrieanlagen und vereinsamten Vororten, deren vorherrschende Farben Grau und Braun waren. Viele der Gebäude befanden sich in einem desolaten Zustand, nur selten kämpfte ein Bewohner gegen den allgegenwärtigen Zerfall an. Bald darauf verabschiedeten sich auch die letzten Häuser und wir waren allein mit dem Asphaltband und den Knochenfeldern dort draußen. Man konnte sie von der Straße aus schimmern sehen. Die Erde hier war von einem schmutzigen Rot, die Landschaft wirkte an vielen Stellen wie aufgerissen und dort lagen die Knochen. Unmengen menschlicher Überreste, die in der Erde leuchteten. Saubere, fahlweiße Gebeine. Eine Fundgrube für jeden Anthropologen, nur machte sich hier draußen niemand etwas daraus.

"Was können Sie mir noch über Jill erzählen, Emma?"

Sie saß klein und vorne übergebeugt neben mir und starrte aus dem Seitenfenster. "Nicht viel, um ehrlich zu sein. Sie hat kaum etwas von sich mitgeteilt, weder über ihr Leben, noch über den Unfall. Ich habe sie einige Male darauf angesprochen, aber sie hat das Thema immer wieder gewechselt. Manche sind wie sie und wollen nie mehr an ihren Tod erinnert werden."

"Über was haben Sie beide gesprochen?"

"Viel über mich, meine Vergangenheit. Jill hat die Geschichten aus meiner Jugend geliebt. Ich war ein ganz schöner Feger, müssen Sie wissen. Ansonsten war es nur nette Tratscherei - Wetter, Nachbarn, Stadtgeschehen."

"Und in letzter Zeit? War sie irgendwie anders? Nervös oder bedrückt?"

Die alte Dame überlegte einige Zeit, ehe sie antwortete. Uns kam ein klappriger Lastwagen entgegen, auf dessen Seitenwand ein stilisierter Löwe mit Flügeln prangte, dann gehörte die Landstraße wieder uns. "Jetzt, wo Sie fragen - ja, Jill schien abwesend. Manchmal hörte sie gar nicht zu, was für sie ungewöhnlich war."

"Können Sie eingrenzen, seit wann Jill sich so verhielt?"

"Ungefähr eine Woche, bevor sie … bevor die schreckliche Sache passierte. Meinen Sie, dass da ein Zusammenhang besteht?"

"Noch zu früh, um irgendetwas zu meinen. Ich versuche, mir einfach ein Bild zu machen. Wie sah Jill aus?"

"Ein hübsches Mädchen. Schlank, mit brünettem Haar, halblang. Beim Unfall hatte sie sich die Hüfte gebrochen, deshalb hinkte sie."

Hinter dem nächsten Hügel tauchte Andrew's Field vor uns auf. Eine kleine, altmodische Stadt, durchzogen von Friedhöfen, die das Knochenland ablösten. Die Rasenflächen erinnerten an Parks, nur, dass es statt der Bäume weiße, zerbröckelnde Grabsteine waren. Wir nahmen eine der zwei Hauptstraßen, die sich im Zentrum kreuzten. Der Verkehr war mäßig, der ganze Ort erweckte den Anschein, als wollte niemand das Gedenken an die Toten stören. Emma lotste mich an einer verschlafenen Einkaufsstraße vorbei in den östlichen Teil der Stadt. Hier standen heruntergekommene Mehrfamilienhäuer aus angelaufenem Backstein um eine hässliche Betonkirche herum, deren Architekt vermutlich in der Hölle schmorte.

"Das Haus da vorne ist es." Die alte Dame ließ mich auf einem mit Müll überzogenem Parkplatz halten und wir gingen die letzten Meter zu Fuß. Die Nummer 17 unterschied sich kaum von den Nachbargebäuden, es gab zwei Stufen zum Haupteingang hinauf, eingefasst von einem bröckeligen Mäuerchen, an der linken Seite eine Feuertreppe bis hinauf in den sechsten Stock. Die Bewohner des siebten und letzten hatten im Ernstfall Pech gehabt. Für die jetzigen Bewohner spielte es keine Rolle mehr, vielleicht waren sie auch gleich mitsamt dem Haus ins Totenreich gewechselt.

Emma schloss auf und winkte mich in einen muffigen Hausflur. Die hölzerne Treppe ächzte unter unserem Gewicht. In der Luft hing etwas, kaum wahrzunehmen, vielleicht der Geruch von Gas.

Im dritten Stock hielten wir vor einer braunen Tür, deren Lack immer weiter abplatzte. "Hier wohne ich, Mr. Cross, und da nebenan Jill." Ihre Stimme zitterte: "Wollen Sie sich dort direkt umsehen, oder erst mit hereinkommen?"

"Machen Sie sich keine Umstände, Emma."

"Wenn es Ihnen nichts ausmacht, dann warte ich auf Sie. Ich kann einfach keinen Schritt dort hineinsetzen."

"Natürlich. Ich klopfe, wenn ich fertig bin." Sie verschwand in ihren vier Wänden und ich ging nach nebenan.

Die Tür war aufgebrochen worden, ich brauchte nur mit dem Fuß dagegen zu stoßen. Dahinter lag ein kleiner Flur, von dem es zum Bad und ins Wohnzimmer ging. Auf den ersten Blick gab es nichts Auffälliges zu sehen, aber das Loch in meiner Brust begann zu ziehen. Wie ein Anfall von Rheuma. Ein schlechtes Vorzeichen. Für einen Moment dachte ich an meine Automatik, die neben der Flasche Whiskey in der Schreibtischschublade lag. Bei Routinejobs ging ich ohne sie aus dem Büro, denn auch wenn die Leute hier schon tot waren, blieben sie zugänglicher, wenn man kein Schießeisen trug.

Ich lauschte, aber außer dem fernen Straßenlärm und einem stockenden Weinen irgendwo in den Etagen darüber, war da nichts, nicht mal ein tropfender Wasserhahn. Lag wohl daran, dass das Badezimmer, wie erwartet, kaum benutzt war. Bei der Farbe der Fliesen auch kein Wunder.

Das Ziehen nahm zu, als ich das Wohnzimmer betrat. Es sah aus wie ein Schlachtfeld - der Tisch umgeworfen, ein Stuhl zertrümmert, die Vorhänge heruntergerissen. Bücher, zerschlagenes Porzellan und Bilder lagen wild verstreut herum. Es fühlte sich an wie das Hinterzimmer von Henrys Schlachterei. Terror und Tod lagen in der Luft, waren beinahe greifbar. Was immer hier geschehen war, es hatte Spuren hinterlassen. Keine physischen, abgesehen von der Zerstörung. Ektoplasma war ein ziemlich flüchtiges Zeug. Aber irgendetwas in der Atmosphäre, das man auch mit Lüften nicht aus der Wohnung vertreiben konnte.

Ich hatte schon den einen oder anderen Mord auf dem Schreibtisch gehabt. Neid und Missgunst verschonten auch das Totenreich nicht. Aber etwas wie das hier war mir noch nicht untergekommen. Es barg eine Ahnung des absoluten Grauens und fühlte sich an, als wäre mit Jills Seele etwas Schreckliches geschehen.

Vorsichtig bewegte ich mich durch den Raum, wechselte ins Schlafzimmer hinüber. Dieselbe Stimmung. Fast rechnete ich damit, dass etwas aus dem Wandschrank springen würde. Aber da war niemand. Gut, dass Emma nicht hierher kam.

Nachdem ich mich versichert hatte, dass keine Gefahr mehr bestand, ließ die bedrückende Atmosphäre nach. Genügend, um meine Arbeit zu machen. Ich fragte mich, was hier gewesen war, fand aber keinen Hinweis darauf. Nur die Kampfspuren. Entweder hatte die Polizei alles gefunden, oder es war schlicht nichts vorhanden. Es war anzunehmen, dass das Clauberg-Mädchen heftige Gegenwehr geleistet hatte. Ohne Erfolg. Der Killer hatte sie durch die Wohnung gejagt, erwischt und umher geschleudert. Das Fenster war zerschlagen, die Scherben lagen jedoch auf dem Sims draußen. Anzunehmen, dass Jills Mörder durch die Tür kam. Ob er selbst oder die Polizei diese aufgebrochen hatte, wusste ich noch nicht. Ans Haus grenzte ein Friedhof, die alten Grabsteine waren umgefallen oder eingesunken, das Gras ungemäht und voller abgestorbener Blätter, obwohl weit und breit keine Bäume standen. Die feuchte Erde hielt nur Gebeine umschlossen, niemand hatte gehört, dass je etwas daraus hervor gestiegen wäre. Trotzdem schob ich das Fenster auf und besah mir den Sims. Keine Spuren von Lehm, keine frische Kratzer. Das Gebäude gegenüber war baugleich mit diesem hier und ich blickte in ein nichts sagendes Wohnzimmer.

Ich inspizierte wieder das Chaos um mich herum. Der Schaden war mehr oder minder oberflächlich, die Folge des Kampfes. Es gab keinen Hinweis darauf, dass der Täter hier etwas gesucht hatte. Schubladen waren noch geschlossen, die Schänke nicht durchwühlt. Selbst die Bullen hatten sich scheinbar keine Mühe gegeben. Ich fing an, herumzustöbern. Die meisten Toten hielten an etwas aus ihren Lebzeiten fest, dem Ehering aus besseren Tagen, Fotos mit alten Erinnerungen, einem Teddy aus der Kindheit, dem Kleid des Abschlussballs, der deformierten Parabellum-Patrone des Todestages. Oft kamen diese Dinge schon beim Wechsel ins Zwischenreich mit, manchmal fanden sie später ihren Weg, oder jemand suchte wie besessen danach. Da es beinahe immer etwas Reales aus der Lebendwelt war, hielten es die Besitzer verborgen. Es gab zu viele selbsternannte Sammler dort draußen.

Ich wusste nicht genau, warum ich danach suchte. Womöglich hielt Jills Vergangenheit einen Hinweis auf ihre Ermordung bereit. Vielleicht wollte ich auch einfach nur mehr über sie wissen. Emma hatte davon gesprochen, dass die Clauberg ein herzensgutes Mädchen gewesen sei. Die meisten Toten hier waren nicht viel anders als zu Lebzeiten, in genau der gleichen Mischung aus Gut und Böse. Jemand selbstloses wie Jill sollte von vornherein gar nicht hier sein. Wenn sie wirklich das war, was die alte Dame behauptete. Die Vergangenheit konnte das vielleicht klären.

Eine kleine, mit Rosenmotiven verzierte Pappschachtel, die zwischen einer Kommode und der Wand eingeklemmt war, entpuppte sich als das, nach was ich Ausschau hielt. Darin lagen ein paar alte Fotografien und Briefe. Ich stellte den Tisch wieder auf, zog mir einen Stuhl heran und breitete den Fund vor mir aus. Es waren drei wellige Schwarzweißaufnahmen, die ein Kribbeln in meinen Fingerspitzen verursachten. Lebendwelt. Dinge, die nicht im eigentlichen Sinne zerstört und ins Totenreich gespült worden waren. Kein Abfall, keine Brandreste, keine verlorenen und nie wieder gefundenen Gegenstände. Nein, wirkliche Artefakte, die ganz deutlich die Welt der Lebenden spüren ließen. Ein seltsames Gefühl, wie ein melancholisches Ziehen, das sich in jede Ektoplasmazelle meines Körpers schlich. Die Erinnerungen an damals, die Sehnsucht nach der Rückkehr. Gepaart mit der stechenden Erkenntnis, für immer aus der Welt der Lebenden getilgt worden zu sein. Das Dröhnen der Luger, ein reißender Schmerz in der Brust, eine unüberwindbare Barriere. Ich schüttelte das Gefühl ab, es war müßig, sich damit herumzuschlagen. Die Vergangenheit war lange tot, das Leben unerreichbar.

Auf einer der Aufnahmen stand eine junge Frau vor einem Apfelbaum. Ihr schlanker Körper steckte in einem hellen Kleid, das an die Jazz-Tage erinnerte, inklusive Perlenkette. Das brünette Haar war mit einem Reif nach hinten geschoben. Vermutlich Jill, die vergnügt lächelte. Sie war hübsch und jung auf dem Bild, höchstens Anfang Zwanzig.

Auf dem nächsten Abzug trug sie ein anderes Kleid, schwarz und ärmellos und lachte verführerisch in die Kamera. Es musste ein Sommerabend in irgendeinem Obstgarten sein, der Himmel im Hintergrund hatte bereits einen roten Farbton angenommen.

Auf der letzten Fotografie sah ich doppelt - die beiden Jills standen Arm in Arm vor dem alten Baum. Die eine im weißen, die andere im schwarzen Kleid. Das Clauberg-Mädchen hatte eine Zwillingsschwester.

Die Briefe waren in einer schwungvollen Handschrift verfasst, undatiert und allesamt von Jill an jemanden namens Anna adressiert. Ihre Schwester, wie ich nach kurzem Überfliegen feststellte. Es gab vier Umschläge mit beinahe gleichem Inhalt: Jill bat Anna, ihr zu verzeihen, wieder miteinander zu sprechen, sich zu treffen. Sie flehte nicht, klang auch nicht verzweifelt, wiederholte nur, wie wichtig es für beide wäre, wieder zueinander zu finden. Auf den Kuverts stand keine Anschrift, sie waren nicht einmal zugeklebt. Ich bezweifelte, dass sie je abgeschickt worden waren. Im Gegensatz zu den Fotografien stammte das Papier von hier, war kein Artefakt aus der Lebendwelt. Blieb nur die Frage, ob Jill sie an ihre unerreichbare Schwester im Drüben geschrieben hatte, oder an jemanden hier. Aber sie sprach mit keinem Wort von Unerreichbarkeit, es klang vielmehr so, als würde sie ein Treffen für realistisch halten. Waren die Zeilen an eine tote Anna gerichtet? Die Chancen dafür standen zwar gering, aber wer gab hier schon etwas auf Chancen.

Ich schob die Briefe und Fotos zusammen und packte sie zurück in die Schachtel. Das ganze wieder zu verstecken, machte wenig Sinn, ich würde sie bis auf weiteres Emma anvertrauen.

Als ich die Wohnung verließ und die Tür zuzog, fühlte ich Erleichterung. Als würde man den Kopf wieder über Wasser bekommen.

Sie wartete schon auf mich und hatte den Kaffeetisch hergerichtet. Ich nahm ihr gegenüber Platz und ließ mir eine Tasse mit etwas füllen, das aussah, wie nach dem vierten Aufguss. Ihre Wohnung war ausstaffiert, wie es sich für eine alte Dame gehörte. Allerlei Nippes, Spitzendeckchen und ein Kanapee aus der Bürgerkriegszeit.

Ich tat so, als würde ich trinken, und schob ihr das Kistchen herüber. "Hat Jill je über irgendwelche Verwandten gesprochen, ihre Eltern oder Geschwister?"

"Nein, nie." Ihre gichtigen Finger hielten die Schachtel fest, als wäre sie jene der Pandora. "Ist … ist das der Grund, warum Jill …?"

"Man kann es nie genau wissen. Aber nur keine Angst."

Langsam hob sie den Deckel, die Fotos lagen obenauf. Emma nahm das Bild der Geschwister heraus und besah es sich lange. In ihrem Gesicht zeichneten sich Verwirrung und noch mehr Falten ab.

"Ihre Zwillingsschwester Anna. In den Briefen bittet Jill sie, ihr zu verzeihen."

"Sehr seltsam, Mr. Cross. Das Mädchen hat nie von einer Schwester geredet. Und bei allem wie sie sich verhalten hat, kann sie niemandem etwas Böses getan haben."

"Vielleicht nicht in diesem Leben."

Emma schüttelte den Kopf: "Sie kennen … kannten Jill nicht. Sie war so rein, das ist ein sehr passendes Wort. Als würde nichts von diesem Reich aus Zerfall und Schmutz sie berühren."

"Mag sein. Hören Sie, Emma, es besteht die Chance, dass Anna ebenfalls hier drüben ist. Ich werde versuchen, sie zu finden. Womöglich kann sie mir helfen, zu klären, was Jill passiert ist."

"Ja, versuchen Sie das."

"Seien Sie so gut und bewahren Sie die Fotografien und Briefe für mich auf. Ich melde mich, sobald ich etwas Neues erfahre." Vorsichtig stellte ich die Tasse zurück, von deren Rand ein Stück abgesprungen war. "Bleiben Sie ruhig sitzen, Emma, ich finde schon raus."

Wir schüttelten uns die Hand. "Danke, Mr. Cross."

In der Wohnung darunter öffnete niemand auf mein Klopfen. Unmöglich zu sagen, ob keiner zuhause war, oder hier einfach niemand wohnte.

Im gegenüberliegenden Apartment hatte ich mehr Glück. Ein kurzer Gang über den Friedhof, vorbei an zerbrochenen Grabsteinen. Ich verzichtete darauf, die Inschriften zu lesen. Sahen zwar alt aus, aber man konnte nie wissen, ob es nicht der eigene war.

Die Klingel war herausgerissen, das Schloss wenigstens auch, so stieg ich in den dritten Stock hinauf und machte mich an der Tür bemerkbar.

Nach ein paar Minuten öffnete ein Mittfünfziger, dessen Haaransatz weit hinter der Stirn lag. Seine Augen standen hervor, als hätte ihn jemand zu stark gedrückt. Er trug Cordhosen und ein kurzärmeliges Hemd. "Ja, was gibt es?"

"Mein Name ist Cross, ich ermittle in einem Kriminalfall. Haben Sie einen Moment Zeit? Ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen."

Seine Brauen wanderten in die Höhe, wodurch es schien, als würden seine Augen jede Sekunde aus den Höhlen kugeln. "Hab ich was falsch gemacht?"

Das war wohl eine der essentiellen Fragen, die sich jeder stellte, dessen Ticket nur bis zum Zwischenreich galt. "Keine Sorge, Mr. …? Rein als Zeuge, vielleicht haben Sie was mitbekommen, das mir weiterhilft."

"Tedzlav. Dann kommen Sie mal rein." Er trat zurück und winkte mich mit dem verbliebenen Arm ins Wohnzimmer, genau der Raum, den ich von gegenüber gesehen hatte. Auf einer Anrichte und in zwei Regalen standen kleine Dampfmaschinen, ein Esstisch war zur Arbeitsfläche umfunktioniert worden und mit Bauteilen überhäuft. An der Wand über der Anrichte hing ein gerahmtes Diplom für den Abschluss in Ingenieurswissenschaften, aber der Name darauf war nicht der von Tedzlav.

Er wusste nicht so recht wohin mit sich. "Es geht um die Clauberg-Geschichte, nicht wahr?"

"Richtig. Setzen wir uns. Funktionieren die Dinger?" Ich ließ mich in einen miefigen, grünen Sessel fallen, in dem mit Sicherheit jemand gestorben war.

"Natürlich. Ich konstruiere sie alle selbst." Natürlich war hier drüben nichts, ich kannte genügend Leute, die Gegenstände sammelten, die defekt wie sie selbst waren. "Hier, ich zeige es Ihnen." Tedzlav werkelte an einigen Maschinen auf der Anrichte herum und sie fingen nach und nach an zu laufen.

"Nicht schlecht."

Er nickte zufrieden und setzte sich mir gegenüber. "Es ist schwierig, hier etwas aufzubauen. Alles geht früher oder später kaputt. Kaum habe ich eine Dampfmaschine fertig, fällt die vorherige bereits wieder auseinander." Seufzend zog er ein Zahnrad zwischen den Sitzpolstern hervor und betrachtete es.

"Immerhin etwas Konstruktives." Wenn auch kein Hobby, mit dem ich die restliche Ewigkeit verbringen wollte.

"Wie kann ich Ihnen denn helfen? Ich kannte die kleine Clauberg eigentlich gar nicht. Habe sie und die alte Dame von nebenan manchmal auf der Straße gesehen, ein paar Worte mit ihnen gewechselt."

"Was hatten Sie für einen Eindruck von ihr?"

Er dachte angestrengt nach: "Darüber habe ich auch schon gegrübelt, seit ich von der Sache gehört habe. Ich kann es schwer in Worte fassen. Sie wirkte anders als die anderen. Irgendwie sehr freundlich. Nein, eher friedlich. Als würde sie zwar hier sein, sich von diesem ganzen Ort jedoch nicht unterkriegen lassen. Entrückt, aber nicht verklärt. Ich weiß auch nicht … Man spürte es einfach."

In etwa das, was Emma gesagt hatte. "Von dem Fenster aus können Sie zu Ms. Claubergs Wohnung blicken."

Tedzlav sah mich einen Moment lang unsicher an. "Ich habe kaum rüber geschaut, wenn Sie also irgendetwas andeuten wollen …"

"Aber nicht doch." Fühlte er sich bei etwas ertappt? "Meine Frage zielt viel mehr darauf ab, ob Ihnen zum Zeitpunkt des Mordes oder die Tage darum irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen ist. Unüblicher Besuch, jemand der auf dem Friedhof herumlungerte, Licht spät nachts."

"Wissen Sie, die meiste Zeit tüftle ich an meinen Maschinen, auch bis früh in den Morgen. Nach draußen schaue ich nur wenig, warum auch? Gibt doch nie etwas zu sehen."

"Also ist Ihnen nichts aufgefallen?"

"Tut mir leid." Seine Finger hatten unbewusst ein paar Bauteile zusammengesteckt. "Ich würde Ihnen gerne helfen, schon um des Mädchens Willen. Sie hat so etwas nicht verdient."

"In Ordnung." Wir erhoben uns. "Wenn Ihnen doch noch etwas einfällt, rufen Sie mich an." Ich nahm eine meiner Karten und kritzelte eine zweite Nummer darauf. "Wenn Sie mich unter der ersten nicht erreichen, versuchen Sie die andere und hinterlassen Sie eine Nachricht. Ich melde mich dann."

"Mach ich." Tedzlav brachte mich zur Tür.


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